PWG Porträt hoch sw

Peter W. Gester

Prof. (em.) Dr. Peter W. Gester, Saint Dié Coinches


Zur Person
Dipl.-Psych. ist psychologischer Psychotherapeut, Biographie- und Organisationsberater. Seine Arbeitsschwerpunkte sind politökonomische Einflussfaktoren auf Biographien im globalisierten Zeitalter des Seven-Sisters-Komplex mit seinen Komponenten Neoliberalismus, Postdemokratie, Governance, Privatisierung, Lobbyismus, Big Data, Mediokratie. PWG forscht über erweiterte salutogenetische Kohärenzkonstrukte bei Resilienz- und Rebellienzprozesse auf Therapie-, (Organisations-)Beratungs- und Coachingprozesse.
Er leitet das missing-link-institut (mli) bei Saint Dié in Ost-Frankreich in den Vogesen. Das mli ist ein Kompetenzzentrum für Biographie- und Organisationsberatung.

Aktuelle Publikationen (Auswahl)
Gester, P.-W. (2016). Jenseits des systemischen Pointillismus. Politische Aspekte im globalisierten Zeitalter zum Seven-Sisters-Komplex von Neoliberalismus, Postdemokratie, Governance, Privatisierung, Lobbyismus, Big Data und Mediokratie. Plettenberg: mühle-media.

Gester, P.-W. (2013). Praxishandbuch Biographieanalyse und Zukunftsgestaltung. Das [MATRIX]-Modell. Plettenberg: mühle-media.

Gester, P.-W. (2013). Schritte auf dem Weg zu einer Theorie der Präzision des Ungefähren. Ursprünge, Grundlagen, Vorgehensweisen, Modelle. Plettenberg: mühle-media.

Im Netz
www.missing-link-institut.de

Leitung des Workshops
“Jenseits des systemischen Pointillismus Biographische Kohärenz durch Rebellienz-Konzepte für Therapie, Beratung und Coaching”
Datum: Freitag, 14. Oktober 2016
Uhrzeit: 14.30 – 16.15 Uhr

Abstract
Der Pointillismus war eine detailversessene Strömung des Impressionismus, der die Kunst verwissenschaftlichen wollte und dadurch die Darstellung der großen gesellschaftlichen Zusammenhänge aus den Augen verlor und sich als malerische Erfindung der Freizeit bezeichnen ließe. Sind systemische Theorie und Pragmatik nicht in eine ähnliche entpolitisierte Sackgasse geraten? Und sind nicht mehr als berechtigte Zweifel angebracht, ob das systemische Berufsfeld nicht selbst zu einem verdeckten Handlanger des Seven-Sisters-Komplex aus Neoliberalismus, Postdemokratie, Governance, Privatisierung, Lobbyismus, Big Data, Mediokratie geworden ist?

Ursprünglich ging systemisches Denken und Handeln mit Batesons Doppelbindungstheorie von Zusammenhangsvermutungen zwischen Kommunikation und Macht- und Herrschaftsprivilegien aus, die durch Meta-Kommunikation und Kontextanalysen hinterfragt und aufgelöst werden sollten. Derzeitige systemische Meta-Theorien, wie der Luhmansche Funktionalismus und der individualisierte Subjektivismus des radikalen und sozialen Konstruktivismus scheinen sich eher durch allverstehende und allakzeptierende standpunktbefreite Ambivalenz-Akrobatik eines Einerseits-Andererseits-Quietismus auszuzeichnen. Sind diese Meta-Theorien noch in der Lage, die Ursachen der disrupten, strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen angemessen zu beschreiben und die vielfältigen Angriffe auf die Lebenswelten der Bürger abzuwehren?

Für den amerikanische Wirtschaftshistoriker P. Mirowski waren der zeitparallele Aufstieg des radikalen Konstruktivismus und des Neoliberalismus kein Zufall, sondern nur zwei Seiten der gleichen Medaille zur ideologischen Rechtfertigung der angepassten Ich-Jagden des eigenen Selbst in den sog. Multioptionsgesellschaften. Mit der Folge von Milliardenschäden in den Volkswirtschaften durch explodierende Fehlzeiten, die durch depressive Erschöpfungs-syndrome verursacht werden, die man durch Psychopharmaka und Neuroenhancer auszugleichen versucht.

Was ist gegen all dies zu tun? Systemische Therapie, Beratung und Coaching müssen im Anschluss an historisch-sozio-psychologische Zeitströmungen, wie die politische Sexologie (W. Reich) und die kritische Psychologie (K. Holtzkamp) u.v.a.m. dringend repolitisiert werden. Es braucht nicht länger neutrale Beobachter, die den kapitalgesteuerten Wandel moderieren, sondern gesellschaftspolitische Akteure, die gegen den Seven-Sisters-Komplex Partei ergreifen. Akteure, die Konzepte für die transzendental Obdachlosen, die Ausgebrannten, die Ausgegrenzten, die Alten, die Armen, die Schwachen, die Kranken und für eine humane Lebens- und Arbeitswelt liefern.

Kurzum für alle und alles, das der Beschleunigung der gesellschaftlichen Totalkommodifizierung nicht mehr gewachsen ist. Das neue Konzept der „unbezahlbaren Kohärenz“ und das Habituskonzept des französischen Soziologen Bourdieu liefern Möglichkeiten zur emanzipativen Erweiterung von Resilienz-konzepten in der Biographie und Lebensweltberatung. Damit können individuelle anti-fragile, elastische Schutzmäntel aus Rebellienz-gewebe maßgeschneidert werden. In diesem Seminar liegt der Schwerpunkt in der verständlichen Darstellung theoretischer Grundbausteine und pragmatischer Modell-Komponenten einer neuen, emanzipativen, repolitisierten systemischen Meta-Theorie jenseits des systemischen Lösungs-Pointillismus.