Heiner Keupp

Heiner Keupp

Prof. Dr. Heiner Keupp, München


Zur Person
Jg. 1943, Studium der Psychologie und Soziologie in Frankfurt am Main, Erlangen und München. Diplom, Promotion und Habilitation in Psychologie, war von 1978 bis 2008 Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München. Aktuell Gastprofessor an der Universität Bozen. Kommissionsvorsitzender für den 13. Kinder- und Jugendbericht der deutschen Bundesregierung zur Gesundheitsförderung und Prävention (2007 – 2009). Mitglied der vom Bundestag beschlossenen Unabhängigen Untersuchungskommission Kindesmissbrauch (ab 2016). Arbeitsinteressen beziehen sich auf soziale Netzwerke, gemeindenahe Versorgung, Gesundheitsförderung, Jugendforschung, individuelle und kollektive Identitäten in der Reflexiven Moderne, Bürgerschaftliches Engagement und Missbrauch in pädagogischen und kirchlichen Institutionen (Kloster Ettal, Stift Kremsmünster, Odenwaldschule).

Aktuelle Publikationen (Auswahl)

Dill, Helga & Keupp, Heiner (Hg.) (2015). Der Alterskraftunternehmer. Ambivalenzen und Potenziale eines neuen Altersbildes inder flexiblen Arbeitswelt. Bielefeld: transcript.

Keupp, H., Straus, F., Mosser, P., Hackenschmied, G. & Gmür, W. (2015). Schweigen, Aufdeckung, Aufarbeitung. Sexualisierte, psychische und physische Gewalt in Konflikt und Gymnasium des Benediktinerstifts Kremsmünster. München: Institut für Praxisforschung und Projektberatung.

Im Netz
www.uni-muenchen.de

Keynote
“Von der (Re-)Sozialisierung von Normalität und Abweichung”
Datum: Freutag, 14. Oktober 2016
Uhrzeit: 12.15 – 13.00 Uhr

Abstract
Die Debatte um Medikalisierung, Klinifizierung oder Psychiatrisierung hat die 70er und 80er Jahre die Reformbewegung in der psychosozialen Szene geprägt. Es war ein Aufbruch zu einem neuen Verständnis psychischen Leids und es war ein Ausbruch aus dem paradigmatischen Gehäuse des „medizinischen Modells“. Es wurde als ein „stahlhartes Gehäuse“ im Sinne Max Webers verstanden, das irritierendes und verstörendes Erleben und Verhalten bio-medizinisch zu erklären versuchte und damit aus dem Leben- und Erlebniszusammenhang herauslöste.

Da aber die Evidenzen uns so klar erschienen, dass die Belastungen und Verstörungen, die Menschen erleben und erleiden mit den Anforderungen und Herausforderungen der kapitalistischen Gesellschaft ursächlich verknüpft sind, mussten alternative Sichtweisen entwickelt werden. Und wir waren davon überzeugt, dass ein Krankheitsmodell, das solche Zusammenhänge nicht thematisiert, eine Komplizenschaft mit einem Gesellschaftssystem eingeht, das Menschen ausbeutet und entfremdende Lebensverhältnisse aufzwingt. Diese professionelle Komplizenschaft mit dem spätkapitalistischen System von Ausbeutung und Herrschaft sollte radikal aufgekündigt werden. Es bestand die gemeinsame Überzeugung, dass eine repressive und auf Klassenunterschieden beruhende Gesellschaft Menschen psychisch und gesundheitlich verkrüppeln muss. In den sozialepidemiologischen Befunden haben wir einen Beleg für das gesehen, was wir als „Klassengesellschaft“ zu benennen gelernt hatten.

Am meisten hat mich die Tatsache empört, dass die Gruppen in der Bevölkerung, die per saldo die höchsten Belastungen mit psychischem Leid erfahren, die schlechtesten Chancen auf adäquate Hilfeformen hatten. Diese Befunde zeigten in harten Zahlen das auf, was Christian von Ferber (1971) die „gesundheitspolitische Hypothek der Klassen-gesellschaft“ genannt hat. Nur einbettet in diesen intensiven fachlichen und politischen Kampf um eine angemessene Sicht auf psychosoziales Leid wird verständlich, wie leidenschaftlich die Kontroverse um das „medizinische Modell“ geführt wurde. Die Zeiten lebhafter Kontroversen und die aufmüpfigen gesellschaftskritischen Positionierungen sind nicht nur vorbei, es hat auch ein echtes roll back gegeben. Psychotherapie und Klinische Psychologie sind ganz im Fahrwasser der Medikalisierung und Biologisierung angekommen.

Auf diesem Hintergrund ist die „alte Debatte“ wiederzubeleben und zu fragen, wie wir die „Gesellschaftsvergessenheit“ in den PSY-Professionen überwinden können.